Navigation überspringen
Ohne Titel II
Datierung: 2007
Person:
Maße: 150 x 100 cm Rahmen: 173 x 123 cm
Material/Technik: Bleistift, Graphit, Buntstift auf Papier
Creditline: Artothek des Bundes
Beschreibung: Regina Michel: Ines, wie setzt Du Dich mit dem Thema "Körper" in Deinen unmittelbaren, zeichnerischen Arbeiten auseinander?

Ines Agostinelli: Vor allen Dingen interessiert mich das Ich; sämtliche Aspekte analytischer Selbst- (und Fremd)betrachtung, Motivation, Inhalt, Konsequenz und Fehleinschätzung; mich interessiert das Individuelle am Ich; subjektives Empfinden - subjektive Lösung; der subjektive Umgang mit den "Tools der Funktion" sozusagen. Und dazu kommt dann die Eigendynamik des Körpers als Schnittstelle zur Außenwelt. Ein spannendes Netz, wobei die Spannung am größten dort ist, wo sie nicht erklärt wird, das heißt auch: nicht versprachlicht wird. Deshalb fällt die Wahl des Mediums auf ein bildnerisches, auf die Zeichnung im Speziellen, weil sie nahe liegt und ohne jeden Umstand funktionieren kann. Die Zeichnung hat enormes Potential zur Auslotung nicht-sprachlicher Inhalte. Ich denke, das ist kein Klischee, sondern eine tatsächliche Qualität. Wobei ich das aber nicht erfunden habe; die Basis meiner Arbeiten ist, wie bei vielen anderen auch, die an der Angewandten gezeichnet haben, sehr von Willi Kopf und seiner "Zeichnung als Jetzt-Zeit-Praxis" beeinflusst.

Gleichzeitig ist es so, dass meine Arbeit sehr stark text- und somit sprachorientiert ist. Die sprachliche Verankerung bzw. Ausdehnung ist elementar. Jeder neuen Arbeit geht eine im weitesten Sinne literarische Recherche voran. Das heißt, der entscheidende Anstoß ist immer, oder zumindest fast immer, ein sprachlicher; und dann bin ich neugierig, was daraus hervor geht - oder, um den Bezug herzustellen: was das Ich daraus hervor bringt. Zeichnen, und wahrscheinlich jedes andere künstlerische Formulieren auch, heißt schließlich, in Anlehnung an Max Frisch gesprochen, sich selber lesen - und zwar im besten Fall auch das Kleingedruckte.

Regina Michel: Inwieweit interessiert Dich dabei die Frage nach dem "Erkenntnispotential" von Bildern?

Ines Agostinelli: Sieht man von jeweils spezifischen inhaltlichen Auseinandersetzungen ab, ist diese Frage etwas vom Spannendsten in der Diskussion über bildende Kunst. Wie funktionieren Bilder - man kann das nicht verstehen, weil man es in Wirklichkeit nicht erklären kann. Das ist das Faszinierende daran. Es geht um atmosphärische Information auf der einen Seite und um intuitive und sinnliche Wahrnehmung auf der anderen. Dies ist natürlich eng mit dem Apparat verknüpft, mit dem wir die Welt erfahren - der Körper tritt auf als beteiligter Mittler in den geheimnisvollen Übergängen, die vom Objekt zum Begriff führen, vom Abbild zur Wiedererkennung, von der Wahrnehmung zur Erinnerung.

Auszug aus einem Interview mit Regina Michel in: Der unwillkommene Widerspruch - eine dialogische Gegenüberstellung von Ines Agostinelli und Ulrike Sheperd, Bucher Verlag, Hohenems - Wien, 2007
Objektnummer: 27026