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Ohne Titel (IV)
Datierung: 2017
Person:
Maße: 150,4 × 240 cm
Material/Technik: Bleistift auf Papier
Creditline: Artothek des Bundes
Beschreibung: Also schaukelt das Meer scheinbar ruhig vor sich her. Doch wie es beim Schein so ist, bleibt er oftmals nur Oberfläche. Unter dieser Oberfläche aber rumort es. Ein Zusammenspiel zwischen brodelnder Unruhe und leiser Beständigkeit, die – siehe da! – auch nur Schein ist. Strich und Gegenstrich vereint hier der kühne Gedanke, ein scheinruhiges Meer in all seinen Facetten erfassen zu wollen, ihm Raum und Zeit und Kontur und Struktur zu verleihen. Also eine Identität des Meeres?! Keine uns bekannten Vogelarten ruhen auf diesem Meer, keine Fische, die man durchs Wasser schwimmen sehen könnte, keine Boote, keine Menschen. Säumt es mal eine Küste, ist diese die Leerstelle. Wo der Stift härter angesetzt wird, tritt uns ein sattes, fast bedrohliches Meer entgegen. Dort, wo das Meer sich selbst nuanciert, wird die leichte Hand vermutet. Der Wechsel zwischen hellen und dunklen Tönen dominiert den Wellengang, der sich nur von der Weite als solcher zu erkennen gibt. Ebbe und Flut kommen einem in den Sinn, natürliche Phasen, die hier auf Papier übersetzt werden. Und wenn man näher herantritt, wird die abstrakte Kraft der Zeichnung freigesetzt. Der Strich wird offenbar, ohne dass man dessen Ursprung nachverfolgen könnte. Ein offenes Durcheinander, das im Auge und der Zuneigung des Betrachters seine Ordnung sucht. Wie das Meer selbst! Und der Horizont? Ein Blickfänger! Barbara Eichhorns Meer offenbart dem Betrachter die Möglichkeit seiner eigenen Abstraktion. In seinen früheren Darstellungen überbordend – etwa in Lovis Corinths später Phase –, wird das Meer hier zum Zerrbild eines gängigen, von allen möglichen Narrativen besetzten Topos. Seine immanente Rohheit wird zum Programm erklärt. Ein Zusammenspiel zwischen Improvisation, Intuition und Demutsübung innerhalb eines breiten Spektrums in Graphitgrau. Wir haben es hier weniger mit einer Serie an Zeichnungen zu tun als mit Ansätzen und Annäherungen, denen der Wahnwitz innewohnt, mit Bleistift etwas zu erfassen, was nicht zu erfassen ist. Deshalb lotet die Künstlerin immer wieder neu aus, setzt immer wieder neu an.
Barbara Eichhorns Arbeit ist der kühne Versuch eines auf Papier gebannten, inneren Meeres ohne Aussicht auf dessen Bändigung. Gerade deshalb sind wir als Betrachterinnen und Betrachter gefordert, das innere Schaukeln dieses Meeres nach außen zu tragen. Dass die Künstlerin auf so eindrückliche Weise dessen Oberfläche abgesteckt hat, erlaubt mir das etwas trotzige Oxymoron einer Topographie des Meeres und die von der Dichterin Ilma Rakusa formulierte Forderung nach Mehr Meer.

Text: Marko Dinic
Objektnummer: 28264