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TRAPULE
Datierung: 2001-2011
Person:
Maße: Objekt: 45 x 30 x 20 cm; Drehpodest H: 65 cm (variabel), DM: 35 cm
Material/Technik: Holzkiste, Friulanische 3er Mausefalle, Plastikmäuse, Plastikratten, Holzgliederhände; Holzpodest
Creditline: Artothek des Bundes
Beschreibung: Burgis Paier – Effigien des Selbst

Burgis Paier verbindet in ihren Arbeiten die Sphäre der bildenden Kunst, des Theaters und der unmittelbaren Lebensumwelt zu eigenwilligen Plastiken und enigmatischen Artefakten. Sie schneidet, stickt, näht, bastelt, formt und arrangiert bedeutungsschwere Figuren, die ihre besondere Qualität aus dem Spannungsverhältnis von Hülle und Körper, Oberfläche und Inhalt, Schmuck und Attribut entwickeln. Die anthropomorphen Figurationen, die aufgrund ihrer konstituierenden Elemente und ihres schmückenden Zierrats eine mitunter beängstigende, beunruhigende und irritierende Wirkung entfalten, verweisen immer auf den Körper und tragen viel vom Leben der Künstlerin in sich und an sich. Nun ist der Körper schon lange nicht mehr der Ort des Natürlichen, Authentischen, Eigentlichen, zu dem ihn das bürgerliche Denken im 18. Jahrhundert stilisierte; er ist wie seine Inszenierung durch Kleidung ein Konstrukt, eine offene Projektionsfläche für historisch wechselnde Einschreibungen. Die ästhetischen Phänomene überlagern sich mit zeitdiagnostischen Faktoren.
Paiers Arbeiten leben von der Spannung zwischen Zeitbedingtheit und Zeitenthobenheit, von der Verschränkung von Überliefertem und Angefertigtem, der Kombination von Fremdem und Eigenem, der Diskrepanz von Pathos und Sachlichkeit, der Wechselwirkung von Symbolischem und Faktischem und schließlich der Korrelation von ästhetischer Autonomie und angewandter Kunst. Ihre Plastiken künden von der Aushöhlung des Subjekts. Der Körper verschwindet, zurück bleiben seine Kleidung, seine Attribute, seine Artefakte, seine Larve ... vielleicht noch eine Fotografie. Es sind Manifestationen des „fraktalen Subjekts“, Effigien der „Ich-Vielheiten“, wie das Jean Baudrillard genannt hat. Die getrockneten Blüten, die taxidermischen Fundstücke, der alte Schmuck, die überkommenen Gewänder, die historischen Fotografien, die geschichtsträchtigen Kirchenutensilien ... immer geht es um Abwesenheit: die Abwesenheit eines Körpers, den Verlust von vertrauten und geliebten Personen, den Schwund traditioneller Werte und Tugenden, das Fehlen religiöser Geborgenheit, die Absenz des Lebens.
Die prekären Darstellungen mit ihren Zwängen und bedeutungsvollen Aufladungen sind nicht ausschließlich in der Sphäre des Ästhetischen verwurzelt, sondern erscheinen als Reflex auf die Alltagswirklichkeit. „Man sagt, ein Gegenstand sei prekär, wenn er weder einen eindeutigen Status noch eine sichere Zukunft oder endgültige Bestimmung hat: Er ist gefangen, in der Schwebe, wartend, umgeben von Unschlüssigkeit. Er besetzt ein transitorisches Territorium.“* Es sind Manifestationen eines tiefen Unbehagens und großen Zweifels, die Burgis Paier kreiert, die sämtliche Lebensbereiche des Menschen betreffen.

Roman Grabner, 2015

* Nicolas Bourriaud, Precarious Constructions. Answers to Jacques Ranciere on Art and Politics. In: Open. Cahier on Art and the Public Domain No 17 (2009), S. 32.
Objektnummer: 28196